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Biblio-was? Vom richtigen Buch zur richtigen Zeit

In meinem Blog gibt es eine neue Kategorie: Bibliotherapie. Die Idee vom richtigen Buch zur richtigen Zeit ergänzt inzwischen klassische Therapieformen wie die Gestalt- oder die Musiktherapie.

Erich Kästner veröffentliche bereits 1936 seine „Lyrische Hausapotheke“, die genau dasselbe zum Ziel hatte: Ein tröstendes Wort, ein guter Gedanke um Geist und Seele wieder einzurenken, Poesie statt Pillen, literarische Arzneimittelchen, abwechselnd süß und bitter, wie z.B. nachfolgender Text (eher bitter…)

„Das ist das Verhängnis:
Zwischen Empfängnis
und Leichenbegängnis
nichts als Bedrängnis.“

In den nächsten Monaten werde ich Euch immer mal wieder meine besten Bücher-Freunde vorstellen, Altes und Neu-Gelesenes. Gibt es ein Buch, dass Dein Leben bereichert hat? Dann schreib mir!

Den Anfang macht mein Allzeit-Ever-Seelen-Abtauch-Lieblingsbuch-Klassiker, keines wurde so oft und immer wieder von mir gelesen: Narziss und Goldmund von Hermann Hesse.

Können Bücher wirklich heilen? Ich weiss es nicht. Können Sie glücklich machen? Definitiv.

Hermann Hesse – Narziss und Goldmund

Thomas Mann beschrieb das Buch wie folgt: „Hesses Roman „Narziß und Goldmund“ setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben, die dem poetischen Bedürfnis dieser rohen Aktualität widerstrebenden Geistes entspricht, ohne darum seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu leugnen…. ein wunderschönes Buch mit seiner Mischung aus deutsch-romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen….eine in ihrer Reinheit und Interessantheit durchaus einzigartige Romandichtung.“

Ich finde vermutlich nicht so schöne Worte wie Thomas Mann, war jedoch nicht minder beindruckt als ich es das erste Mal mit Anfang 20 las. In einer extrem verlotterten Taschenbuchausgabe aus der Bücherei. Ich liebte es vom ersten Moment an. Und tue es bis heute. Alle paar Jahre schnapp ich es mir wieder (inzwischen nicht mehr auf der Warteliste der Bücherei, sondern als Bestandteil einer schönen Hermann Hesse Gesamtausgabe) und tauche darin ab. Es ist für mich wie ein geliebter Urlaubsort, ein schönes Hotel, ein Strand oder ein Berg, an den man immer mal wieder zurück kehrt, weil man weiss, es ist dort schön, man kann dort auftanken und entspannen.

Als junger Mensch begeisterte mich am meisten daran die (damals für mich wirklich gänzlich neue) Idee jeder dürfe, nein jeder müsse so sein wie er ist. Heute unter dem Schlagwort Authentizität sicherlich manchmal etwas überstrapaziert, war das für mich ein mentaler Durchbruch. Wieviel Leid in einer Seele entsteht, wenn sie einem falschen Vorbild nacheifert, es zu kopieren versucht, ihre eigene Natur hartnäckig verleugnet. So wie Goldmund, einer der beiden Hauptfiguren, es in seiner Jugend tut mit dem Ziel seinem Lehrer, dem nüchternen Denker Narziss, gleich zu sein. Und wieviel schöner, leichter ihm das Leben wird, als er nicht länger versucht den Denker zu kopieren, sondern seiner Künstlerseele und seiner Freude an den Schönen Dingen des Lebens nachgibt. Schöner – trotz aller neuen Hindernisse und Beschwerden die dieses neue Leben mit sich bringt. Die nun aber „seine“ Hindernisse sind.

Später war es die schöne Sprache die mich zunehmend faszinierte. Wie macht er das? Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die allesamt wirken, wie durch mildes Spätnachmittags-Sonnenlicht betrachtet. Glücklich macht mich beim Lesen auch immer wieder Goldmunds Reise, nicht nur die innere, sonder auch die äußere durch die Welt, das unterwegs sein. Wahrscheinlich ist Narziss und Goldmund der erste Roadmovie gewesen ;-)

Eine sehr oft zitierte Passage des Buches lautet:

„Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung.“

Oft wird dieses Zitat als „Liebes-Statement“ gebraucht. Für mich geht es soviel weiter, es beschreibt einen wesentlichen Kern meines gesamten Denkens: Weniger Zeit zubringen, andere sich ähnlich zu machen, oder sich selbst anpassen, keine Überzeugungsarbeit leisten, dass der eigene Weg der „bessere“ sei, sondern versuchen die Gesamtlandschaft zu erkennen, warum ist jeder so wie er ist, wie kann man ihm helfen zu sich zu finden. Und dann – so meine Überzeugung – passt auch alles zusammen und ergibt Sinn. Mir wird gerade beim Schreiben bewusst – dieser Gedanke hat mich bei Hesse schon immer fasziniert. Und heute helfe ich Bewerbern genau dabei: Nicht „besser“ sein, sondern „sie selbst“. Um damit genau den Job in dem Umfeld zu finden, der zu ihnen passt.

Für mich schließt sich gerade ein kleiner Kreis im Kopf. Und nun ergänze ich doch noch eine Anmerkung zum Thema „Bibliotherapie“, die mir eingangs überflüssig schien. Es wird nämlich darauf hingewiesen, dass nicht nur Lesen, sondern auch Schreiben absolut klärend, heilend und wohltuend wirken kann. Wie wahr. Paolo Coelho sagte eins über das Schreiben: „Ein Stück Papier und ein Kugelschreiber können Wunder bewirken: Schmerzen heilen, Träume in Erfüllung gehen lassen, verlorene Hoffnung wiederbringen. Im Wort liegt Kraft.“

 

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